200 Jahre IBENA
Eine Ausstellung im Textilwerk zur Bocholter Industriegeschichte
Eine Ausstellung mit Durchblick
Das LWL-Museum Textilwerk in Bocholt zeigt in der Spinnerei bis zum 1. November eine klug konzipierte und mit vielen, doch nicht zu vielen und teils alltagsnahen, teils ganz ungewöhnlichen beispielhaften Objekten bestückte Ausstellung zur alten Bocholter Fa. Beckmann, später IBENA. So wird Industriegeschichte für jede Besucherin und jeden Besucher „zugänglich“.
Auch die Anlage der Ausstellung zeigt „Wege“ auf: links die sozial- und technikgeschichtliche Entwicklung der letzten 200 Jahre, rechts die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens. Immer wieder verweist die eine Seite auf die andere, wenn auch nicht „eins zu eins“, zumal eine weniger auffällige thematische bzw. problemorientierte Linie auf beiden Seiten zu verfolgen ist.
So beginnt die Unternehmensgeschichte gleichsam „natürlich“ mit einer Ahnengalerie der Familie Beckmann, beschreibt dann weitere Elemente des Wachstums (unter preußischer Ägide) mit Hilfe von Zukäufen (repräsentiert durch Katasterpläne und notarielle Verträge), Strukturveränderungen durch Erfindungen, die eine glückliche Hand bei den unternehmerischen Entscheidungen brauchten. Ein im 20. Jahrhundert stark verbreitetes Mittel, im Markt präsent zu werden und zu bleiben, der Vertrieb per Bestellung aus dem Katalog, ist beispielhaft mit dem heute wieder verschwundenen Handelsunternehmen „Quelle“ vertreten.
Die Lage der Arbeiterschaft kommt – vielleicht mangels geeigneter zeitgenössischer Dokumente? – etwas einseitig, nämlich aus paternalistischer Perspektive in den Blick: Gut zu erkennen am Beispiel des Unternehmer-Kommentars zur „Kochkiste“. Interessant wäre auch das Verhältnis der Unternehmerfamilie zu den Textilgewerkschaften und zum Thema Streik (für weniger Arbeitszeit und höhere Löhne); es bleibt im Wesentlichen bei der Dankbarkeit der Arbeiterschaft und deren Interesse an „(Gegen-)Leistung“: mehr Produktion in kürzerer Zeit, wofür eine aufschlussreiche Grafik steht, die den „Fortschritt“ in Meter (Stoffbahn) pro Stunde Arbeit (Maschinenarbeit) dokumentiert.
Soziale Themen scheinen etwas rar dokumentiert, außer der Versorgung der Arbeiter(familien) durch die Werksküche. Man hätte zum Beispiel einen Hinweis auf Werkssiedlungen oder auf den Umfang der Frauenarbeit im 20. Jahrhundert erwarten können.
Punktuell dokumentiert wird auch der Fortschritt in der Textilindustrie am Beispiel der Weiterentwicklung von Textilfarben in der chemischen Industrie. Gut herausgestellt wird die Bedeutung der preußischen Wirtschaftspolitik durch die Gesetzgebung einerseits und die der Zollfreiheit (durch den Deutschen Zollverein 1834) für das Wachstum des Handels und damit der Industrieproduktion bzw. der Absatzmärkte andererseits . Da passt ganz zufällig auch die rote MAGA-Mütze eines gewissen Donald T. (Originalimport aus den USA).
Nicht zuletzt gibt es auf dieser Seite der Ausstellung auch die an Stoffen, Schnitten und Farben bzw. Mustern feststellbare modische Entwicklung zu sehen. Daneben finden sich interessante Beispiele für technologische Entwicklungen wie den „Volksempfänger“ der 1930er Jahre (mit Röhren-Verstärker) oder den ausladenden und schwergewichtigen Tischcomputer mit zwei großformatigen „Disketten“-Laufwerken (und minimaler Speicherkapazität), Beides natürlich nur als Stellvertreter für die rasanten Entwicklungen allgemein im 20. Jahrhundert.
Zurück bleibt ein insgesamt sehr positiver Eindruck von dieser Ausstellung, die mutig neue Wege geht und nicht mit der Fülle ihrer Objekte imponieren will, sondern ganz verschiedene Anregungen für den Zugang zum Wandel in der Textilindustrie gibt. Ein Besuch ist allemal empfehlenswert.
Bruno Fritsch, 13. März 2026


Mode vor 100 Jahren …





